Die Antholzer und ihre Schwarzbeeren

27. Mai 2018

Nahezu jeder mag die kleinen, an Fruchtigkeit kaum zu übertreffenden blauschwarzen Beeren. Oh, ja. Aber bei den Antholzern haben sie einen ganz besonderen Platz im Herzen. Und im Mund. Ok, vor allem im Mund. So besagt es auch eine Legende, die talein- und auswärts bekannt ist...

Ein stattlicher Jüngling aus Antholz - nennen wir ihn Jakob - war einst zu Fuß unterwegs, um sich den ersten Kuss seiner Angebeteten abzuholen. Der beschwerliche Steig talauswärts am Antholzer Bach entlang, forderte einiges an Konzentration und Geschicklichkeit. Da Jakob nichts anderes als die roten Lippen seiner Herzensdame im Kopf hatte, zog er leider ohne Proviant los. So sammelte er reichlich Beeren, insbesondere die leckeren Schwarzbeeren, die ja überall zu finden waren. Endlich angekommen am Hofe seiner holden Maid, war es sein einziger Wunsch nun endlich diesen lang ersehnten Schmatzer zu ergattern. 

Doch daraus wurde leider nichts. Jakobs Lippen waren Schwarz, seine Zunge und auch die Zähne blau. So wurde er, dank der verführerischen Beeren, unverrichteter Dinge wieder nach Hause geschickt. Schade.

Da er nicht der einzige war, den die Schwarzbeeren um eine Belohnung brachten, wurde bald überall bekannt, dass die Antholzer gerne Heidelbeeren aßen und des Öfteren blau um ihre Münder waren. Noch heute spricht man manchmal von den „blaumündigen“ Antholzern.
 

Schon lange haben die Heidelbeeren auch den Zugang zur Küche gefunden. Als wahres Superfood mit zahlreichen Inhaltsstoffen wie Eisen und Vitamin C, sind sie vielseitig verwendbar. Es findet sich wohl auf jedem liebevoll gedeckten Sonntags-Frühstückstisch ein Glas der herrlichen Schwarzbeer-Marmelade. Selbst gemacht versteht sich. Und auch bei nettem Besuch wird die eine oder andere Flasche mit Schwarzbeer-Likör auf den Tisch gestellt und großzügig eingeschenkt, bis auch der letzte Gast wankend sein Heim sucht. Bei der Vergabe des Likörrezeptes allerdings hört die Freundschaft auf. Diese Rezepte werden von Generation zu Generation weiter gegeben und gehütet wie der wertvollste Schatz.

Wer jetzt also hofft, dass ich mich verplappere und mein Familienrezept verrate, der hat sich getäuscht. Noch nie habe ich jemandem erzählt, dass ich 1 kg Schwarzbeeren mit dem Mark einer Vanilleschote und etwas Zitronenabrieb koche und noch heiß über 250 g Roh-Rohrzucker gebe. Niemand weiß, dass dieser Sud durch ein Sieb oder sauberes Tuch gefiltert wird, bevor man den Saft dann mit 250 ml Vodka mischt, in Flaschen abfüllt und mindestens 6 Monate kühl und dunkel reifen lässt. Meine Lippen sind versiegelt. Dieses Geheimnis ist bei mir sicher. 

Diesen wertvollen Tipp kann ich allerdings verraten: 
Wenn man sich ungeschickter Weise mit Heidelbeeren bekleckert, zum Beispiel beim Anfertigen eines leckeren Likörs nach Vorgabe eines Geheimrezeptes, hilft etwas Zitronensaft den dunklen Fleck zu entfernen. Hätte das mal unser Jakob gewusst…

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